warum alles kleingeschrieben

manch unbeleckte leserin mag sich das fragen. nach meiner entscheidung dafür habe ich das zwar schon ausführlich erklärt, aber quereinsteigerinnen können das ja nicht wissen.

jetzt hat mich sofia im rahmen ihrer arbeit auf ein schönes zitat von meister otl aicher aufmerksam gemacht, das auf der letzten seite seines buches „gehen in der wüste“ steht …

das möchte ich der geneigten leserinnenschaft nicht vorenthalten:

„rückkehr zu den verben

schon die typografische auszeichnung der substantive zeigt, welchen stellenwert sie in unserem sprachsystem haben. sie werden groß geschrieben.

das war nicht immer so. die übung kam im absolutismus auf, als es darum ging, den könig, den fürsten, die institutionen des staates auszuzeichnen, indem man auch das wort gott mit großbuchstaben schrieb. damit bekamen objekte und einrichtungen, das statische in unserer welt, das seiende, ihre bevorzugung. das haus des fürsten sollte ja ewig währen, wie auch das land und der staat.

die verben verkümmerten. prozesse, verhaltensweisen, vorgänge, die dynamik der welt standen unter der beschwichtigung der sprachlichen vernachlässigung. zu lieben war nur ein vorfeld der ehe, sich freuen nur das flüchtige vorüber gegenüber dem glück, das der staat seinen untertanen versprach. und in rom und bangkok sein, hat heute mehr zu sagen als zu reisen, zu schauen und zu genießen. die wege, die erlebnisse, das „wie“ einer reise, tritt gegenüber dem triumph zurück, am ziel zu sein. objekte besetzen, orte belegen, spiegelt das umkippen der verhaltenswelt in eine dingwelt. das machen und erfahren verkümmert gegenüber dem vorzeigen von besitz, der eine ansammlung von dingwörtern mit sich brachte.

jetzt steht die welt voll von unrat und bürokratien. sachen stellt man in museen und begafft sie. institutionen blähen sich auf zur nutzlosigkeit der selbstbehauptung.

zu unserer fortbewegung stehen um unser haus immer mehr gegenstände herum, jetzt auch noch das segelboot, das klappfahrrad und das geländeauto. nur weil wir nicht mehr gehen, laufen, wandern, schlendern, spurten, springen oder bummeln können. es sind objekte, die wir benutzen, geräte.

ich schreibe substantive wieder klein, aber das reicht sicher nicht. man muß wohl wieder beginnen zu gehen.“




23.02.2017 - 23:57