Archiv für den Monat: Oktober 2018

halb fünf

und dann wird es rapide zappenduster. heute hat eine sturmbö unsere ganzen mappen, broschüren, blumen & steine weggefegt und weiträumig über den platz verteilt – da kam leben in die bude: freundliche passantinnen haben beim zusammenklauben geholfen und es entstand eine mitfühlende stimmung …

übrigens:

nach endlosen zwei jahren ist endlich pauline wieder im omnibus – einmal hatte ich mich schon vergeblich auf sie gefreut. ihre freigiebige gegenwärtigkeit ist das beste heilmittel für diese knochenwoche – sie war sofort mit pia & christopher ein herz & eine seele. die drei halten mich bei laune und lassen mich gleichzeitig in ruhe opa sein. ich kann nur hoffen, daß sie im umgang mit mir mein alter wegabstrahieren können.

der omnibus entwickelt erste zipperlein, nachdem er doch die italien-tour so lokker & fehlerfrei geritten ist. bisher hatte es fast nie geregnet und am sonntag sind wir sozusagen unter wasser nach erfurt gefahren – jetzt knatscht es unter dem tränenblech und überall sind pfützen & rinnsale, deren herkunft unklar ist. beim anlassen macht er komische geräusche. jetzt ist es an mir, ihn bei laune zu halten, indem ich die ruhe bewahre.

31.10.2018 - 00:47

da bin ich wieder

das frieren hat mich vollkommen fertiggemacht – in der nacht & am morgen habe ich gehustet wie ein wildgewordener hirsch und womöglich hatte ich auch ein leichtes fieber. immer mehr klamotten, icebreaker unterwäsche – alles hat nicht geholfen und abends konnte ich nur noch vor meinem kamin sitzen und lesen …

das wochenende haben wir da verbracht, wo wir auch schon am vorigen wochenende gewesen sind: auf halber höhe über meiningen, nur zu erreichen über eine straße mit 15 % gefälle, die wir also auf keinen fall in der gegenrichtung fahren könnten. vor einer woche war ich da noch barfuß unterwegs.

pia & christopher haben mich tapfer durch die woche getragen, die auch vom ergebnis her ziemlich deprimierend war. den ganzen tag über gab es heißgetränke und sobald die türen des omnibus zu waren, wurden alle heizungen angeschmissen. ich habe keine abendspaziergänge gemacht und bin abends um elf ins bett gegangen.

ein erfreulicher tupfer war, daß holger auerswald mich besucht hat, ein engagierter & bestens vernetzter protagonist der beiden thüringer volksbegehren. vor elf jahren war er für kurze zeit der halter des omnibus, weil jemand uns ein nummernschild geklaut hatte und wir auf keinen fall unsere arbeit unterbrechen wollten. wir haben ihm anschließend den kfz-schein und die nummernschilder geschenkt. das war in suhl, wo er zu der zeit fraktionschef der linken war. in suhl hatte ich schon ausschau nach ihm gehalten und erfahren, daß er inzwischen aufs land gezogen war.

umso mehr habe ich mich gefreut, als er uns in meiningen besucht hat. er hat geheiratet und ist der glückliche vater von zwei kindern. als männliche rollenvorbilder kenne ich ja sonst nur die „gutartigen riesen“ vom omnibus und meine brüder. ihn würde ich als gutmütigen bär bezeichnen. unser wiedersehen war ganz herzlich & warm.

das gute an meinem kaputten rhythmus war, daß ich eine umfangreiche biografie von leonard cohen gelesen habe.

heute dann: der endgültige einbruch: die zeitumstellung – jetzt wird es um halb fünf dunkel. wir sind über den rennsteig nach erfurt gefahren. durch die wolken. oben hat es geschneit. ansonsten graue suppe.

und ich habe das gefühl, ich bin über den berg – mach meinen abendspaziergang und sitze ohne heizung und mit nackten füßen um viertel nach eins bei kerzenlicht und schreibe …

29.10.2018 - 01:17

jubiläum

mir ist eingefallen, daß ich vor genau achtzehn jahren genau hier meine jungfernfahrt betrieben habe – die städte, durch die ich fahre, waren stationen dieser ersten fahrt. meine liebe zum osten wurde da geboren.

ohne das zu wissen, hat mir pia heute das feierliche bild mit dem regenbogen geschenkt und mir ihre augen für einen blick von oben geliehen:

ich kann mich nur wärmstens für mein leben bedanken – bei wem auch immer. ich bin noch ganz voll mit italien – der alltag dort war musik für meine augen. ich will versuchen, meinem alltag hier die gleiche aufmerksamkeit & offenheit zu widmen, um die musik der gemeinden zu hören.

25.10.2018 - 00:57

inzwischen

ist das wetter so gnadenlos abgestürzt, daß die zeit der nackten füße wohl vorbei ist. gestern abend habe ich meinen spaziergang ausfallen lassen und bin für meine verhältnisse ziemlich früh ins bett gegangen. pia & christopher bewähren sich glänzend unter diesen extremen umständen. wir schnattern und lassen uns nicht die laune verderben. dieses bild von pia & mir prangte heute in der zeitung, die seit den tagen der ddr „freies wort“ heißt (war das eine raffinierte form von ironie?).

wir waren zwei tage in suhl und standen an zwei verschiedenen plätzen. seit dem ende der ddr sind hier mehr als ein drittel der einwohnerinnen abgewandert und über 5.000 wohnungen „rückgebaut“ (so nennen die das wirklich) worden.

das ist der waffenschmied. er ist das wahrzeichen der stadt, denn seit dem 14. jahrhundert werden hier waffen hergestellt und die berüchtigte kalaschnikow (ak47) wurde hier erfunden und hat sich dann wie ein tückischer virus auf der ganzen welt verbreitet. die helle spitze rechts unten ist eine kapelle, zu der pia & christopher am sonntag hinaufgestiegen sind:

gaaanz winzig steht da der omnibus auf dem markt, gleich gegenüber von einem kaufhaus, das in den dreißiger jahren von den nazis „arisiert“ wurde und damals wahrscheinlich der inbegriff von moderner architektur gewesen ist. mich hat es sehr an das tortenstückartige warenhaus von mendelsohn in chemnitz erinnert, das heute ein museum ist.

im rathaus konnte mir niemand die frage beantworten, wer das wann gebaut hat. auch am & im gebäude gab es keinen hinweis. dafür aber ringsum die grauenhaftesten hochhäuser & plattenbauten, in denen vorwiegend alte menschen leben. hoffentlich fallen da nie die aufzüge aus.

früher habe ich meist vor einem brunnen gestanden mit einer wild bewegten jagdszene – die war zerlegt und wurde gerade restauriert.

in der stadt habe ich einen ahorn entdeckt, an dem nur noch die samen hingen – irgendwie widersinnig, oder?

the blues is takin‘ over …

24.10.2018 - 00:25

das meinte ich

mit „armer herbst“ – christopher hat es zur veranschaulichung heute auf der fahrt für mich aufgenommen – und ein weiteres, aus dem ich einen remix mit dem titel „wilder herbst“ gemacht habe:

ich streife herum und horche, was die bäume sagen.

auf einer tiefer schürfenden ebene finde ich überall manifestationen von unverwüstlicher lebendigkeit & schönheit.

das tröstet mich und hilft mir, das leben zu vergegenwärtigen und mein subjektives mitgefühl zu entwickeln & blütenstaubartig in der welt zu verbreiten.

21.10.2018 - 23:54

armer herbst

heute sind wir bei strahlendem sonnenschein durch den herbst in den thüringer wald gefahren, auf einen wohnmobilplatz, der von der stadt meiningen betrieben wird.

auf der toilette hängt dieser freundliche hinweis. wir sind mit allem versorgt.

auf der fahrt hat sich mein eindruck verstärkt, daß der wald unter dem von uns pervertierten wetter sehr gelitten und sich total verausgabt hat. bräunlicher oktober statt goldener oktober. der bunt leuchtende herbst am ende meiner tour, den ich so sehr liebe, findet dieses jahr nicht statt. tagsüber bleibt es in der sonne sommerlich heiß – sobald sie weg ist, stürzen die temperaturen. heute abend haben wir die heizung laufen lassen.

wenn ich genau genug hinschaue, ist dieser melancholische herbst auch schön – der wilde wein und die blätter der essigbäume glühen zwischendrin. der wald als superorganismus hat am meisten gelitten. ihm gilt mein volles mitgefühl.

21.10.2018 - 01:23

professionell

die allenthalben wohlweislich hoch gehängten plakate der afd wurden heute – schnapp schnapp – von freundlichen menschen mit teleskopscheren für die obsternte professionell entfernt. als ich zum omnibus zurückkam, hatten sich diese leute ganz friedfertig nach unserer arbeit erkundigt – ich habe gerade noch den freundlichen abschied mitgekriegt. daß wir mit parteien nichts am hut haben, hat sie überhaupt nicht gestört.

die hatten übrigens auch die weitaus professionellste werbung, die ging rein wie schokoladenpudding – voll auf die sinne. dem lange angestauten frust bot sie die gelegenheit, sich energetisch zu entladen und ihn in praktisches handeln zu verwandeln – mit allen persönlichen konsequenzen. das sind ganz normale leute. viele schämen sich für die entgleisungen der demagogen. die arschlochquote ist wie überall und ich finde die scheinheilige empörung der völlig degenerierten und aus der zeit gefallenen altparteien viel schlimmer.

überhaupt hatten unsere gespräche eine ziemliche bandbreite und mit geduld finde ich überall anknüpfungspunkte. es ergeben sich die kurzweiligsten komödien, die nicht unbedingt mit einer unterschrift enden müssen, um erfolgreich zu sein. direkt von mensch zu mensch kann ich meine fähigkeiten am besten entfalten.

wir haben beschlossen, die nacht noch hier auf einem busparkplatz am ufer des main zu verbringen – so konnten wir uns ausführlich & angemessen von simone verabschieden, deren zug gegen acht uhr im bahnhof einlief. pia & christopher haben was lekkeres gekocht und wir haben in schönstem einvernehmen zusammen mit ihr gesessen & gegessen.

und morgen können wir bei tageslicht die fahrt durch den rapide fortschreitenden herbst genießen … gen osten.

20.10.2018 - 00:15

business angels

jetzt haben simone & pia tief in ihre spärlichen & ungewissen budgets gegriffen und sind auch noch als schenkinnen in den omnibus eingestiegen.

die arbeit läuft wie am schnürchen. wir sind jetzt drei tage in schweinfurt und stehen am nördlichen ende des langgezogenen marktplatzes.

in der sonne ist es heiß wie fast immer seit dem ersten mai – und wenn die sonne immer früher untergeht, wird es kalt & dunkel. womöglich wird am nächsten wochenende die zeit umgestellt und es wird ab vier uhr dunkel – brrr.

bei meinen abendlichen streifzügen múß ich mich schon in den großen schwarzen kaschmirschal hüllen. wir reagieren ganz lässig auf diese drastisch veränderten umstände und organisieren uns abends ein gemeinsames kulturprogramm: gestern waren wir im kino und haben uns „a star is born“ mit lady gaga angeschaut. ich bin dahingeschmolzen und habe mir vorgenommen, mich zum ersten mal ernsthaft für sie als musikerin zu interessieren und mir ihr neues album anzuhören.

und heute haben wir eine kuratorenführung durch eine egon schiele-ausstellung mitgemacht und uns sowohl das gebäude als auch die ständige sammlung angeschaut – die hatten bis 22:00 uhr geöffnet.

schon wieder ein künstlerisches urerlebnis: ich konnte meine lieblingszeichnung von egon schiele im original bewundern …

18.10.2018 - 23:37

exoskelette

mich haben die krükken, prothesen & gerüste fasziniert, mit denen die ollen steine für den industriellen tourismus zusammengeflickt & instandgehalten werden. der militärisch abgeriegelte laufsteg zwischen dem colosseum und der unsäglichen monstrosität gegenüber der trajanssäule wird zu noch größerer massentauglichkeit ausgebaut.

wenn ich mich der masse überlassen habe, habe ich wunderbare menschen getroffen, die mit kundigen führungen in allen sprachen ihren lebensunterhalt verdienten oder in der gastronomie arbeiteten. ich konnte elegante dolmetschinnen bei der arbeit bewundern. mein afrikanischer strampelanzug hat mir den zugang zu jungen afrikanischen männern verschafft, die mir geschildert haben, wie sie sich durchschlagen. sie waren weltläufig, sprachen mehrere sprachen und hatten es schon in allen möglichen europäischen großstädten versucht. obwohl ihnen immer wieder dumpfer rassismus entgegenschlägt, sind sie nicht verbittert. da kann ich mich nur demütig verbeugen.

ich sinne über den massentourismus als degenerationserscheinung nach und erinnere mich an die massen von chinesinnen & araberinnen am titisee. vielleicht müssen wir ja auch bald in der gastronomie unser brot verdienen.

18.10.2018 - 01:15

blickfang

sofort sind mir überall in italien diese wirksamen zeichen ins auge gefallen. auch & besonders während der wilden fahrten, wenn ich nicht fotografieren konnte. meine barfüßigen streifzüge durch die stadt haben sie musikalisch akzentuiert.

beim nachsinnen ging mir auf & leuchtete mir ein: das ist italienisches design in reiner ausprägung, zugespitzt auf höchste wirksamkeit, schlicht & ergreifend.

wenn ich nachts beim schreiben aus dem fenster schaute, sah ich sie bei der militärschleuse, durch die nur busse & taxen fahren durften:

alle problemzonen & baustellen in italien waren sinnfällig markiert – stellt euch das mal in den dramatisch wechselnden landschaften vor! ich hatte meine helle freude daran und habe stundenlang an dem rot herumgebastelt.

17.10.2018 - 00:43