unsere rettung

an den beiden abenden in marktoberdorf war dieses wunderschöne kino unsere rettung vor der kälte (die gasflaschen flutschen nur so durch). christopher hat es während der fahrt digital ausgekundschaftet. es ist denkmalgeschützt und lag jahrzehnte im dornröschenschlaf. eine kinoenthusiastin hat es wachgeküߟt – es wird von freiwilligen in betrieb gehalten – ein saal und fast jeden tag ein anderer film. am ersten abend lief ein film über renzo piano und ein meisterhaftes ensemble, das er in santander in die mitte der uferpromenade gebaut hat. mein inter-esse war voll entflammt, besonders weil renzo piano, der inbegriff eines eleganten, kultivierten italieners, in italienischer & englischer sprache ausführlich über seine arbeit und seine künstlerische entwicklung geredet hat – das war ein ohren- & augenschmaus.

am zweiten abend lief „yuli“, die geschichte eines schwarzen kubanischen ballettänzers, der ein weltstar wird und am ende als choreograf nach kuba zurückkehrt … schöne, sinnlich aufregende menschen, traumhafte bilder von havanna – da könnte ich mich sehr wohl fühlen.

frieren schlaucht

da habe ich mir ein beispiel genommen an dieser taube, die den ganzen tag über in dieser kugeligen zen meditation auf einem bein neben uns am omnibus verharrte, ungerührt von ihren artgenossinnen, die rundum hektisch pickten & wakkelten & gurrten.

das hat mir sehr geholfen, das verrückt oszillierende wetter durchzustehen und in voller bereitschaft zu bleiben. heute gab es in wilder abwexlung warme sonne, nackte füߟe, regen, kalte böen, schnee und triple cashmere …

mateo

erster neffe von christopher, dessen entwicklung er von anfang an mit lebhaftem interesse begleitet, hat uns zusammen mit seinen eltern seinen onkel nach utting zurückgebracht.

und die eltern hatten hochzeitstag …

das wetter war furchtbar ungemütlich. wir haben uns nicht verdrieߟen lassen und uns am nachmittag in schönstem einvernehmen von gerda verabschiedet. zum abschied hat sie mir „das schwalbenbuch“ von ernst toller geschenkt.

scheuߟlich kaltes wetter

im wunderschönen utting – christopher hat einen abstecher nach münchen zu seinem 12 jahre älteren bruder und dessen familie gemacht. wir haben unseren wecker eine halbe stunde früher gestellt, weil samstag morgen ein kleiner & feiner biomarkt in sichtweite neben dem sportplatz stattfindet, der trotz schlechtem wetter ein lebhaftes kommunales ereignis (libertarian municipalism) war, das alle meine schleusen geöffnet und mir ein fänomenales ergebnis beschert hat: nach dem markt standen 8 menschen auf meiner liste, die ernsthaft erwägen, den omnibus zu unterstützen.

das schlechte wetter hat mir geholfen: im schützenden omnibus bildete sich jedesmal eine art intimsfäre, in der alle beteiligten sich gut konzentrieren konnten, wenn auch fröstelnd & bibbernd.

danach haben wir die heizung aufgedreht & die seele baumeln lassen. beim frieren ist mir aufgefallen, daߟ ich mit meiner arbeit schon eifrig für das postfossile zeitalter trainiere, obwohl der omnibus mit diesel betrieben wird.

gerda hat erfahren, daߟ sie oma wird und mich vor freude in das edelste restaurant ausgeführt – direkt am ammersee.

???

das hat schon beim ersten mal vor 10 jahren höchste aufmerksamkeit bei mir erregt: gleich um die ecke ein bert-brecht-weg – in dieser fast kitschigen idylle. ich habe dann herausgefunden, daߟ bertold brecht nach dem kommerziellen erfolg der dreigroschenoper ganz kurz mal reich war und sich ein schönes auto und eben dieses haus in utting gekauft hat – auf den bildern aus dieser zeit sieht er ganz verwegen aus – wie eine zwanziger-jahre-variante von david bowie, in leder und mit schiebermütze & zigarre. ein prähistorischer pop star. daߟ ich früh fast alles gelesen habe, was er geschrieben hat, hat sehr zur entfaltung meiner persönlichkeit beigetragen. ich bin ihm grundsätzlich dankbar dafür.

hinter meinem fahrersitz liegt schon immer ein kleines rotes, brikettförmiges buch (1.400 gebetbuchseiten) mit allen seinen gedichten – da habe ich zwei gedichte gefunden, die er diesem haus gewidmet hat: das erste, lange heiߟt „zeit meines reichtums“ – und das zweite hat er nach der lektüre viele jahre später in los angeles im exil geschrieben:

ich zitiere:

beim lesen von „zeit meines reichtums“

die lust des besitzes fühlte ich tief, und ich bin froh sie gefühlt zu haben. durch meinen park zu gehen, gäste zu haben

baupläne zu erörtern, wie andere meines berufs vor mir

gefiel mir, ich gestehe es. doch scheinen mir sieben wochen genug.

ich ging ohne bedauern, oder mit geringem bedauern. dies schreibend

hatte ich schon mühe, mich zu erinnern. wenn ich mich frage

wie viele lügen zu sagen ich bereit wäre, diesen besitz zu halten

weiߟ ich, es sind nicht viele. Also, hoffe ich

war es nicht schlecht, dieses besitztum zu haben. es war

nicht wenig, aber

es gibt mehr.

zitat ende

natürlich habe ich gleich nach diesem haus gesucht und menschen in der nachbarschaft gefragt, wo denn das haus sei, in dem bertold brecht gelebt hat. selbst die engsten nachbarn wuߟten das nicht zu sagen. auch dieses mal war das wieder so – es ergaben sich aber freundliche gespräche daraus – als feldforscher konnte ich aus dem echten leben schöpfen. inzwischen weiߟ ich genau, welches haus das ist und habe sogar mit einer frau gesprochen, die die menschen kennt, die darin leben.

utting am ammersee

gestern nachmittag haben wir uns in utting eingerichtet, dem perfekten kurort nach den übervollen letzten tagen. gerda hat uns in ihrem schön gelegenen & eingerichteten haus üppig mit einer wilden krautsuppe & salat bewirtet. anschlieߟend haben wir in der „jolle“ unseren rom-film mit etwa 15 menschen angeschaut und ich habe mir mühe gegeben, nachher noch in ein gespräch über unsere arbeit zu kommen. in der kneipe liefen drei veranstaltungen gleichzeitig (gemeinwohl-ökonomie & fuߟball) und es ging drunter & drüber. um neun uhr fing das fuߟballspiel an und wir muߟten unseren raum verlassen. für uns war das der beginn unseres kuraufenthalts und ich habe den beitrag „feierabend“ geschrieben und an meinen bildern gearbeitet.

heute habe ich mich ausgiebig herumgetrieben in dieser idylle und ein sinnliches bad genommen …

unter den wolken sind die alpen zu sehen. es ist unglaublich schön hier.

landsberg am lech

nach der arbeit hatten wir noch die gelegenheit, durch die schöne altstadt zum lech herunter zu laufen – mit gerda, die sich gut auskennt.

leider, leider können wir mit dem omnibus nicht auf den marktplatz fahren, die perfekte kulisse für einen auftritt. wir passen nicht durch die stadttore.

auch hier habe ich einige beispiele von zeitgenössischer architektur im zusammenspiel mit einem organisch gewachsenen ensemble gesehen, die mir auf anhieb sympathisch waren, weil sie zusammen einen superorganismus gebildet haben – eine ökologische metaebene.

an der ufermauer des lech haben wir heiߟe schokolade mit sahne getrunken und uns von dem türkisen gletscherwasser verführen lassen.

feierabend

endlich können wir loslassen – nach einem strammen unterrichtstag an der berufsschule in landsberg. drei doppelstunden mit ziemlich groߟen klassen und spontanen anfragen & besuchen – der stellvertretende schulleiter hat uns besucht und freundlich willkommen geheiߟen. gerda & wolfgang haben uns liebevoll betreut.

die schule ist riesig: es gibt 2.400 schülerinnen und zum beispiel auch nutzfahrzeugmechaniker mit einem rolltor, durch das auch der omnibus passen würde. die architektur ist in zwei baustufen entstanden mit schätzungsweise 20 jahren abstand. diese erweiterung ist sehr gelungen, jeweils das beste aus beiden epochen gleichberechtigt zu etwas gröߟerem verbunden. diese schule wirkt – obwohl sie so groߟ ist – überhaupt nicht massiv.

die gebäuderiegel sind lebendig verzweigt und hinter dem haupteingang öffnet sich der raum zu einer lichten, vielschichtigen aula, die sich für die unterschiedlichsten zwecke eignet.

heute habe ich mir die beste mühe gegeben, die jeweiligen klassen vor dem omnibus mit einem möglichst kurzen solo anzuwärmen – und yunus & christopher in vollem vertrauen für den hauptteil des unterrichts in die klassenräume gehen lassen – meist in begleitung von gerda oder wolfgang. ich glaube, beide haben viel gelernt und es freut mich besonders, wie intrinsisch sich christopher für diesen aspekt unserer arbeit interessiert. wir sind ja schon lange ein trio – jetzt wohnt er auch noch in meinem zimmer, wenn er nicht am omnibus ist. zeit & raum übergreifend entdecken wir viele gemeinsame interessen und können völlig mühelos zusammen arbeiten. besser gehts nicht!

das gilt auch für chiara & yunus. ich bin ja ganz bewuߟt nicht mit in die klassen gegangen, aber ich muߟ zugeben, daߟ ich zu gern die morgenländische variante von yunus miterlebt hätte. also: groߟes kompliment an die band – ich weiߟ am besten, wie anstrengend diese letzten tage für alle ohne meine erfahrungen waren.

der wecker klingelte heute morgen um sechs uhr – deshalb sage ich ungeachtet aller lükken: nacht zusammen.