finale

heute haben wir souverän unseren letzten auftritt hingelegt und glücklich unsere tour zuende gebracht.

um halb zwei sitzen yunus & ich einträchtig bei musik & kerzenschein und arbeiten. drauߟen ist es still & stockfinster. ich bin zuversichtlich, daߟ yunus bei wo lang über den lauf der ereignisse berichtet und nehme mir die freiheit, nur ein paar bilder zu liefern.

in den wolken

über nacht hatte sich die wolkendecke ganz tief über die stadt gelegt – es hat ganz fein genieselt und die luft war voller wasser – oft ist die spitze des messeturms im atmosfärischen dunst verschwunden und die menschen sind unter ihren regenschirmen noch gehetzter unterwegs gewesen als am ersten tag.

„in den wolken“ heiߟt aber auch, daߟ unser trio im schönsten einklang improvisiert hat – die gasflaschen wurden angeliefert (!) und ein mitfühlendes zelttheater versorgt uns mit strom. ich kann ausgiebig über das leben in der groߟstadt nachsinnen und bilder machen auf dieser fährte.

wir verwöhnen uns mit gutem essen und drehen abends die heizungen voll auf bei kerzenschein und ausgesuchter musik. auf wundersame weise haben wir heute das „orfeo“ gefunden, wahrscheinlich das beste kino von frankfurt. ein saal und ein sehr zeitgenössisch eingerichtetes restaurant mit exquisiten speisen & getränken, wo wir in ruhe geschmaust haben vor dem film „weit“: ein junges paar mit waldorf-vergangenheit reist einmal um die welt, sie gehen nach osten und kommen nach vier jahren mit einem auf der reise geborenen sohn aus dem westen in die heimat zurück. die ozeane haben sie einmal mit einem gigantischen containerschiff und einmal mit einem kreuzfahrtschiff, das nach europa überführt werden muߟte, überquert. ansonsten sind sie mit dem zelt und ohne viel geld losgezogen und haben so wenig wie möglich öffentliche verkehrsmittel genutzt. sie waren per anhalter und zu fuߟ unterwegs, und als ihr sohn in mexico geboren wurde, haben sie sich einen vauwehbus ausgebaut und sind damit in mittelamerika unterwegs gewesen.während des films haben wir jegliches zeitgefühl verloren …

wie ich jetzt auch wieder beim schreiben.

zum abgewöhnen

drei tage bockenheimer warte, frankfurt am main, westlicher gehts nicht.

es ist bitter kalt und ein administrativer alptraum: die stadt wollte siebenhundert euro für den stromanschluߟ und wir müssen uns dringend gasflaschen organisieren, ohne uns hier weg bewegen zu können. heute morgen weit & breit keine lösung in sicht.

unser wieder durch gabriele angereichertes trio gibt ganz lässig zum abschluߟ noch einmal vollgas und die lösungen finden sich …

… und während ich abends in bockenheim durch gesichtslose nebenstraߟen streife, stelle ich mir vor, ich würde hier leben (müssen) …

fack ju göhte kann ich da nur sagen. und die ganzen irren geisteswissenschaften gleich dazu. rund um uns herum ist die uni und massen hasten an uns vorbei.

immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein lichtlein her … das kann ich in der herzlosesten groߟstadt erleben – da sind auch die perlen der menschlichen spezies zu finden, die wahren zeitgenossinnen.

in einer uni-buchhandlung habe ich in der wühlkiste drauߟen einen roman von hubert selby gefunden, in gebundener ausgabe. für einen euro! da steht vorn diese wundervolle widmung drin:

dieses buch ist bill gewidmet,

der mir lernen half,

daߟ man nicht siegen kann,

ohne sich zu ergeben.

zurück in die zukunft

in den zehn tagen, die ich nun mit yunus zu dritt unterwegs war, haben wir aufschluߟreiche biografische zeitreisen unternommen … die darin gipfelten, daߟ wir mit dem omnibus als zeitmaschine in zwei etappen in seine vergangenheit gegondelt sind und gleichzeitig zwei regionen, zuerst den vogelsberg und dann die wetterau, in jeweils traumhaft schönen fahrten entjungfert haben.




die erste station war die lebensgemeinschaft altenschlirf, wo yunus für seine jahresarbeit praktisch in der landschaftsgestaltung gearbeitet hat. wir konnten dort neben dem kuhstall die nacht zum sonntag verbringen und ich habe einen alten freund seiner familie kennengelernt, heinrich möller, einen archetypischen indigenen bäckermeister, tief verwurzelt in dieser region. seine handwerkskunst hat er zu höchster meisterschaft ausgebildet, auch indem er in anderen ländern bei den besten seiner zunft in die lehre gegangen ist. er hat uns eingeladen zu einem lekkeren abendessen im schloߟ eisenbach, wo die drittgröߟten waldbesitzer deutschlands residieren. bei denen hat sein vater als waldarbeiter sein brot verdient. er konnte so schön von land & leuten & familie & arbeit erzählen, daߟ ich ihm tagelang zuhören könnte. er war das lebenskluge gegenteil eines intellektuellen. da wurde mir ganz warm ums herz.




am sonntag sind wir dann durch die wetterau bis zu yunus geburt zurückgeflogen – in die lebensgemeinschaft bingenheim. er hatte es so eingefädelt, daߟ ich dort auch seine familie kennengelernt habe.


 

wir wurden alle schlaraffenlandmäߟig verwöhnt & umsorgt …




… und haben zwei neue omnibus haltestellen gefunden – mit lauter verbindungen zum richthof, nach sassen, zu den bauckhöfen usw.




ich bin sehr froh, daߟ yunus bei wo lang zur reihenfolge der ereignisse beiträgt, denn ich komme in so prallvollen zeiten leicht mit der kronologie ins schleudern.
deshalb kommentarlos hier noch ein paar bilder zu eisenach und zum baumkreuz – und dann ab ins bett.






allerheiligen

die vorherrschende stimmung ist schon kein blues mehr – das ist ein trauermarsch. viele menschen bekennen sich dazu, afd gewählt zu haben, in hilfloser wut. „die merkel muߟ weg!“ giften sie ohne gnade. als ob das was verändern würde. alle sehen gespenster: marodierende vergewaltiger & terroristen, die unmittelbar bevorstehende einführung der scharia, die reichtümer, mit denen flüchtlinge übergossen werden. sie fühlen sich von „der merkel“ höchstpersönlich beleidigt. da hilft nur der rituelle muttermord. und vielleicht so ein smartie wie in österreich.

passend dazu höre ich gerade „you want it darker“ von leonard cohen, ein album, das er in seinem todesjahr als über achtzigjähriger gemacht hat. das hatte ich gestern abend yunus vorgespielt.




ein stück heiߟt „almost like the blues“ …



unisono



ich arbeite in so einem schönen einklang mit yunus, daߟ mir diese zeit zu kostbar ist, um hier den reporter zu spielen. beruhigend ist dabei, daߟ er ja auch wo lang in poetische erregung versetzt und gleichzeitig den reporter spielt und über die laufenden ereignisse berichtet. so können wir beide schön lokker lassen.


 

er ist immer voll auf seinem posten und über alltagsdinge können wir uns wortlos verständigen. umso schöner sind unsere palaver. wir ergänzen uns zu einem trio mit dem leben – in jeder umgebung. seit katharian uns besucht hat, hören wir uns abends die perlen aus meiner musiksammlung in unglaublicher qualität über den tomcat an, der kaum gröߟer als eine literflasche & kleiner als unsere teekanne ist. 

das ist luxusfluxus und öffnet neue dimensionen & arbeitsweisen.




gothic

   

die zweite residenzstadt in thüringen, deren name mit g beginnt: gotha – auch davon abgesehen sehe ich viele gemeinsamkeiten. der marketingslogan lautet „gotha adelt“ – in anspielung auf „den gotha“, das weltberühmte adelsregister. 
zur begrüߟung machte unser gastwirt in gebrochenem deutsch die flüchtlinge für alle übel der welt verantwortlich, als ich mich arglos nach seiner sizilianischen heimat erkundigt habe. er hatte schon eine zwischenstation in offenbach hinter sich, wo er vor den vielen „ausländern“ geflohen war – und hier jammerte er lustig weiter … wie die saxen! als italiener! als sizilianer!

peinlich berührt haben wir das über uns rollen lassen wie hintergrundrauschen.




am morgen haben wir festgestellt, daߟ wir wieder wie in wenigerode an einem brückentag gelandet sind. lauter freizeitmenschen waren unterwegs zu was auch immer, jedenfalls nicht, um sich für den omnibus zu interessieren.




und bei tag sah unser platz nicht besonders adlig aus – im gegenteil. obwohl es auch hier nur noch um konsum geht, vermisse ich schmerzlich raffinesse & stilempfinden. auch diese stadt ist über tausend jahre alt und ich kann meine sozialarchäologischen ausgrabungen machen.




wir haben den mann, der uns morgens für über hundert euro an den strom anschlieߟen wollte, weggeschickt und yunus hat unseren sizilianer um hilfe gefragt – zeige deine wunde – und schon konnten wir uns bei ihm an eine auߟensteckdose hängen.




und dann wurde letzte nacht unsere heavy duty kabeltrommel, die auch über hundert euro gekostet hat, geklaut. das hat mir gründlich die laune vermiest. erst mein lieblingsstein, dann hat uns letztens eine kehrmaschine ein sehr praktisches langes kabel, das michael aus einer kaputten kabeltrommel gerettet hatte, in zwei stücke zerrissen.




heute standen wir unsichtbar in einem meer von menschen – mit einem spektakulären festakt wurden die friedensglocken geweiht. vor hundert jahren wurden die originalglocken für kriegszwecke gebraucht und durch billige eisenglocken ersetzt.




wir fühlten uns wie aus zeit & raum gefallen. besonders ich, der ich die bäuerinnen so liebe und mich frage, wer eigentlich für die verwüstung europas durch den dreiߟigjährigen krieg verantwortlich ist …



wo lang

ein vietnamesischer junge beim studium der 95 thesen zur befreiung der arbeit …


uhrzwang

in einer stürmischen nacht wurde die uhr umgestellt – unsere kerzen flackerten wild und im schlaf wurden wir von heftigen böen geschaukelt.
wir haben uns mit einem geruhsamen sonntagsfrühstück – eine stunde später – neu kalibriert und sind auf ausgesuchten umwegen in die stadt spaziert, um uns das bauhaus museum anzuschauen, das noch gegenüber von goethe & schiller in einem ziemlich kleinen pavillion untergebracht ist.




dort haben wir einige schätze entdeckt. die ausstellung befand sich in einem raum und bot einen guten überblick über die entstehungsgeschichte in weimar mit ausblicken auf die gesamte bauhauszeit …




auf dem heimweg habe ich dieses graffito an einer wand entdeckt. und überhaupt: auf meinen spaziergängen habe ich so viele kleine kostbarkeiten gefunden, daߟ ich mit unserem aufenthalt hier glücklich & zufrieden bin.




zum beispiel

diese kleine skulptur, die ich abends im schaufenster einer galerie entdeckt habe, hat mich voll ins herz getroffen. tagsüber bin ich in die galerie gegangen und habe ein sehr aufschluߟreiches gespräch mit der galeristin geführt. sie hat die skulptur aus dem fenster geholt (mit weiߟen baumwollhandschuhen) und ich durfte sie aus der nähe betrachten & fotografieren …




yunus würde an dieser stelle sagen:

adieu weimar

& ich schicke noch einen gruߟ