



urbanologie

gelsenkirchen kommt mir vor wie das detroit der alten bundesrepublik – da konnte ich interessante exkursionen unternehmen …


zum beispiel: das hans sachs haus, das mich schon bei meinem letzten besuch vor vier (?) jahren fasziniert hat. ich habe gelernt, daß dieser baustil „backstein-expressionismus“ genannt wird und vor etwa 100 jahren, als am horizont schon die nazis auftauchten und die waffenproduktion für den zweiten weltkrieg die stadt zum erblühen brachte, „modernste“ avantgarde der architekturentwicklung war – ähnlich wie die zeche zollverein.


nach schrittweisen umbauten und reparaturen wurde es anfang der nuller jahre entkernt und intelligent um einige flexibel einsetzbare funktionen erweitert. obwohl mir das gebäude insgesamt zu groß & wuchtig ist, kann ich dieser form der denkmalpflege in einer der ärmsten städte deutschlands etwas abgewinnen.





durch meine wunderfitzigen ausflüge habe ich ein tiefes mitgefühl für diese stadt entwickelt und begriffen, daß mir arme & unspektakuläre großstädte sympathisch sind und die arbeit dort sinnvoll & erfolgreich …

wir waren jedenfalls in zwei tagen gelsenkirchen erfolgreicher als in drei tagen essen. freunde haben uns besucht und wir haben bemerkenswerte menschen kennengelernt. erstaunlich viele haben meinen fernsehbeitrag im essener lokalfernsehen gesehen. und die band ist traumhaft gut.



gelsenkirchen

die arbeit hat freude gemacht in gelsenkirchen – ex fluxus zone west – seine glorreichen zeiten begannen in den zwanziger jahren des vorigen jahrhunderts – also vor bauhaus. heute ist das eine der ärmsten städte deutschlands – der migrantinnen-anteil downtown pegelt bei 75 prozent. das sind echte menschen mit sehr neugierigen kindern und frechen teenagerinnen, die sich vom omnibus magisch angezogen fühlen und uns wirklich kennenlernen wollen – da fühle ich mich gleich lebendiger. ich dürste nach analogen vollkontakten mit nach oben hin offener bandbreite.

meine wundervollen mitspielerinnen haben das genauso empfunden. links die neue lisa & rechts pia, mein sonnenschein. es hat sich deutlich abgekühlt und zwischendurch regnets auch mal – die ideale gelegenheit, meinen rosa trenchcoat zu probieren:


eine ultimative band – mit bester laune voll bei der sache – ich bin so froh, wieder arbeiten zu können, daß ich hier weitschweifig ins schwärmen geraten könnte – da fällt mir die epistemologische askese wieder ein, die ich beherzigen will: die kunst, so wenig worte wie möglich zu verlieren und seine empfindsamkeit voll auszubreiten. mitten im leben zu baden.

gut erholt & bester laune

sind wir nach gelsenkirchen gefahren. beim manövrieren in einer engen kurve haben wir ein ungünstig geparktes auto gestreift …

… und haben die daraus resultieren prozeduren lokker & friedlich überstanden. wir haben türkisch gegessen und einen ersten orientierungsspaziergang unternommen, bei dem wir uns mit der neuen lisa vertraut machen und uns auf die arbeit einstimmen konnten.

morgen mehr …
recreation

diese nacht hat es endlich gewittert – ganz leise & langsam angefangen und bis zum prasseln gesteigert. ich hab verpaßt, die fenster rechtzeitig zu schließen und besonders auf der fensterbank neben dem fahrersitz hat es kräftig reingeregnet. auf meinen fensterbänken wimmelt es von bedeutsamen kleinigkeiten wie zum beispiel der dreigegliederten walnuß.

ich habe also mitten in der nacht alles auf papiertüchern ausgebreitet und einzeln abgetrocknet.
heute war das wetter dann wieder lässiger – immer noch schön, aber nicht mehr drückend. der omnibus ist sauber & aufgeräumt. pia hat unser faltrad wieder in betrieb genommen und heute sind die mädels zum schwimmen an die ruhr gefahren. ich bin geduscht, rasiert, mani- & pedikürt. anschließend hat pia mir noch in geduldiger feinarbeit die haare in meinem nacken geschnitten. sie hat die idee meiner frisur sofort begriffen und nach vermögen dazu beigetragen, daß ich mich mal wieder ganz einzigartig fühle.
die neue lisa aus mecklenburg-vorpommern ist umstandslos in unseren groove gefallen und hat das vergnügen, von pia ganz nebenbei alles mögliche über das leben am omnibus zu lernen. wir sind ganz mühelos beisammen.
als andenken an das schöne wochenende haben wir noch einen bunten strauß wilder blumen mitgenommen.

witten



der ort, an dem brigitte das omnibus büro führt und ich mich seit jahren zur verdauung meiner erlebnisse in meine winterliche höhle verkrieche, ist ab april auch meine neue wohnadresse geworden. unsere auftritte hier sind für mich immer wieder was besonderes.
dieses mal hat brigitte uns an beiden abenden zum essen in ihre kühle wohnung eingeladen. die mädels konnten duschen und wir konnten letzte umzugsangelegenheiten erledigen. volker harlan & tom tritschel & freya & max haben uns besucht. wir haben erfolgreich die second hand läden durchstöbert: ich habe mir zum beispiel einen rosa trenchcoat gekauft, der mich bei meinem abendspaziergang gerufen hat (pia hat mich begleitet und den kauf abgesegnet). ich habe meiner buchhändlerin den omnibus gezeigt und den menschen, denen ich hier im alltag begegne, was meine aufgabe ist..
ich finde, auch hier paßt der omnibus wie angegossen:


nach der trostlosen sinnlichen dürre des notstands gärt & kribbelt es hier an allen ecken & kanten – es wollen orte urbaner lebendigkeit entstehen und verödete leerstände neu & anders mit sinn gefüllt werden. eine sehnsucht nach heilender gemeinschaft ist zu spüren, die überall nach andockpunkten sucht.


die gemeinden & nachbarschaften sind die orte, an denen wir sofort & praktisch mit freiwilligen & selbstorganisierten bürgerräten beginnen können, ganz unabhängig von staatlichen regularien.
das sind die demokratischen spielräume, von denen ich schon lange träume.
das reimt sich.



zur krönung unseres auftritts haben sich noch die protagonistinnen eines laufenden bürgerbegehrens zu uns gesellt. der omnibus war der ort ihres endspurts, denn am zweiten tag haben sie ihre unterschriften offiziell eingereicht …
also: immer wieder gern in witten!
unverhofft

ausgerechnet in witten haben wir leicht verzweifelt nach einem wochenendplatz nach dieser ersten prallvollen & brüllheißen woche gesucht …

… und sind unversehens herzlich eingeladen worden, das wochenende an dem ort zu verbringen, mit dem mich ein zwanzigjähriges erfahrungskontinuum verbindet. auf dem hof bei von der lohe war bisher meine topologische heimat & adresse. ich habe mich sehr über diese einladung gefreut und genieße mein hiersein wie einen luxuriösen kuraufenthalt.

wir haben einen bühnenreifen platz, an dem wir sonst nie stehen (normalerweise stehen wir unsichtbar tief hinten im hof).
und wir schmiegen uns so schön ein, daß ich gleich am ersten abend dieses camouflage bild gemacht habe. vor allem stehen wir die meiste zeit in einem lebhaften schattenspiel. die tage sind immer heißer geworden. ich teste die klimatischen eigenschaften meines geliebten rosa kaschmirpullis und einer hauchdünnen grauen leinenhose. das problem ist, daß es in diesem outfit zu wenig taschen gibt – und meine winzige schwarzrote herzchentasche, in die ich bei meinen streifzügen alles nötige stecke, sieht ein wenig seltsam aus.



lisa (aus mecklenburg-vorpommern) ist am freitag mittag abgereist, so daß ich mit pia den omnibus in witten deinstalliert habe und wir in schönstem einvernehmen die fahrt hierher und den ersten abend hier damit verbracht haben, uns ausgiebig zu bestaunen und noch besser kennenzulernen.
kurzentschlossen heute schon ist eine neue lisa (auch aus mecklenburg-vorpommern) in hattingen angekommen. ich habe sie mit dem auto vom bahnhof abgeholt & letzte einkäufe erledigt. wir haben uns gleich angefreundet.



und schwups

sind wir in unserem wildromantischen heimathafen gelandet – bei brüllender hitze – nachts kann ich nur im omnibus arbeiten, wenn alle türen & fenster offen stehen. immer wieder gestört von spaßvögeln, die einfach ungefragt herein schneien.

löcher in der kronologie sind unvermeidlich …
flickenteppich



ich bin noch voll mit der fänomenologischen verdauung von drei tagen großstadt und der erinnerung an vier wochen hamburg-altona im vorigen sommer beschäftigt …

… wo ich mich mit san alfredo, dem engel der obdachlosen, verschwistert habe – eines der schönsten erlebnisse des vorigen jahre.

auch dort hat sich der omnibus wie ein chamäleon in ein kaputtes downtown szenario eingeschmiegt und die verlorenen & die verwandten seelen fühlten sich magisch angezogen. in beiden fällen sorgten bäume für ein lebendiges klima:



es war heißes wetter, aber wir hatten vor dem omnibus nur zwei stunden sonne und konnten jederzeit leicht in den schatten springen. wir sind eine echte all star band und die arbeit läuft wie am schnürchen …

das abendliche spazieren führt mich in seltsame welten und ist überaus inspirierend.



vielleicht ist es ja ungerecht, wenn ich am liebsten überhaupt nicht mehr in großstädte will. die lebenslust der afrikanerinnen & afrikaner hat mich speziell getröstet – und wo findet man die auf dem dorf ?



— und natur gibts überall. der architekturblues hat eine ganz eigene melancholische schönheit, die es zu studieren lohnt. wir haben hier drei prallvolle tage in einem lokkeren & wunderfitzigen groove gearbeitet und uns auch durch ein leck in der wasserleitung nicht aus der ruhe bringen lassen.

einen besseren einstieg hätte ich mir nicht wünschen können … ach ja, ich war auch im regionalfernsehen zu sehen & zu hören. zum abschied also meinen lieben dank an essen, das vor tausend jahren als kloster angefangen hat.

