im schönen miltenberg haben wir mal wieder ein angemessenes presse-echo:
der große artikel steht unten auf der titelseite – und der schmale artikel mit angabe unserer internetseite steht im lokalteil. so sollte es immer sein!
wir waren jetzt zwei tage auf dem schloßplatz in aschaffenburg. annelinde & markus voll dabei (ich würde sie jederzeit engagieren) – stephan sowieso. wir sind gut eingestimmt in freier improvisation, mit eigenwilligen solisten.
es war heiß in praller sonne … heute hat es auch mal ein wenig geregnet. und wir standen allein auf weiter flur vor der tourist information und dem überaus wuchtigen, 350 jahre alten schloß, das wie eine monströse klippe über dem main aufragt. so sieht der aufstieg in der nacht aus:
der platz liegt zu sehr abseits – ich will hier nicht mehr hin, aber unsere quote war endlich mal wieder bei fünfzig prozent. unsere gespräche vor dem omnibus waren intensiv, sanft insistierend & friedfertig. untereinander hatten wir uns viel zu erzählen und haben ein beachtliches hochplateau von vertrauensseligkeit erklommen, ohne je außer atem zu kommen.
und ich bestaune annelinde (dieser name schon!) wie eine fee aus einem anderen zeitalter.
das sind annelinde & markus vom social sculpture unit in oxford. sie sind schon in wiesbaden dabeigewesen (da war ich anderweitig voll beschäftigt) und fahren jetzt für vier tage im omnibus mit. sie haben heute gleich voll mitgearbeitet. daß sie künstlerinnen sind, ist unverkennbar: weit aufgespannte aufmerksamkeit und unendlicher wissensdurst, bewandert in vielen sprachen. näher dran am erweiterten kunstbegriff als alle theo-re-tikker: kunst & arbeit fallen lebendig in eins zusammen und aus der zeit heraus. ohne überflüssige wörter sind wir voll verbunden. das nenne ich professionalität, wenn es für künstlerinnen sowas gibt.
eine ebenso schöne professionalität verströmt stephan, auf den ich mich schon lange gefreut habe: mein leuchtendes vorbild für intrinsische motivation aus der gattung der gutartigen riesen. als ich mit jan & kilian unterwegs war, habe ich hier geschrieben, daß der omnibus sehnsucht nach der kundigen hand eines weiblichen wesens hatte. heute morgen war die atmosfäre im omnibus durch stephan total verwandelt und ich fühlte mich wieder richtig zuhause. ich bin völlig perplex, weil ich nur ahnen kann, wie er das bewerkstelligt hat. er hat auch annelinde & markus perfekt eingearbeitet.
an alle beteiligten !!!
wir haben intensive wochen miteinander verbracht, in denen ich viel offenheit & vertrauen erlebt habe. ich habe mein motto voll beherzigt und mich tief & mitfühlend in einen lehrreichen austausch begeben.
diese jungen männer sind in ihrer entwicklung viel weiter, als ich in ihrem alter gewesen bin, obwohl ich da schon ein intellektueller & hochmütiger theoretikker war.
jetzt bin ich älter als ihre väter und wir spielen entspannt auf augenhöhe zusammen.
leon haben wir in berlin aufgenommen und in wiesbaden kamen noch christopher, stephan, jonathan, mathias, freya, gabriele, sofia und susanne hinzu, allesamt intrinsisch motivierte praktische mitunternehmerinnen im omnibus.
nachts sind wir in den klangraum gegangen und haben den großen gong sprechen lassen – da ist lügen unmöglich.
von den gutartigen riesen habe ich in den letzten wochen gelernt, endlich mal wieder mannsbilder zu schätzen (mathias hat den anfang gemacht). da habe ich es gern in kauf genommen, daß der omnibus leicht verschlampt ist. ich bin rund um die uhr voll beschäftigt und die jungs waren so liebenswürdig, daß ich einen militärischen stil einfach nicht übers herz brachte. mit allen hatte ich offene & aufschlußreiche gespräche und im ganzen ergab sich ein lässiges & entspanntes, gleichwohl vollkommen ehrliches zusammenspiel ohne falsche erwartungen.
mein motto „immer schön lokker bleiben“ erweist sich als gute spur – das leben ähnelt einem leichtfüßigen & sanftmütigen tanz und die taktung der zeit löst sich auf.
das ist auch der titel eines meiner lieblingsbücher von doris lessing, umfangreicher höhepunkt einer fünfteiligen romanreihe und durchbruch in die nahe (?) zukunft. das ist der touristische slogan von neubrandenburg. vor über zehn jahren war ich das letzte mal hier. in der zwischenzeit ist hier der kommerz voll durchgebrochen:
dabei war der marktplatz als architektur-ensemble das modernste, was die ddr-architektur hervorgebracht hat – mit einem hochhaus, dem haus der kultur und bildung und einem hotelriegel, der jetzt schon einer weiteren konsumhölle weichen soll. ich habe das damals verglichen mit dem, was egon eiermann in den sechziger jahren im westen gebaut hat. bemüht modern, mit technoiden anwandlungen. zu ddr-zeiten war allerdings ein schöner springbrunnen und viel mehr grün hier und es gab baumgesäumte boulevards. jetzt habe ich erfahren, daß das ensemble von einer frau entworfen wurde und ich verstehe, daß es kontrapunktisch zu verstehen ist zu der historischen kreisrunden wallanlage mit den vier toren und sogenannten wiekhäusern in der erhaltenen, elf meter hohen stadtmauer. außerhalb der mauer gibt es jede menge monströse plattenbauten, denn die stadt wurde im zweiten weltkrieg heftig bombardiert. in der wallanlage gibt es uralte baumriesen, an die ich mich auf meinem spaziergang für eine weile angelehnt habe.
ironie des schicksals: ich durfte im vorigen jahr das gesamte ensemble der ulmer hochschule für gestaltung einschließlich der meisterhäuser kennenlernen. gebaut 1953. diese plattenbauten, fast so alt wie ich, sind das modernste, was ich kenne. einsame klasse.
jetzt ist alles kalt & kahl. und es gibt da, wo früher das grün war, eine neue riesige konsumhölle. der springbrunnen mußte einem dieser unvermeidlichen computerbescheuerten fontänenfelder weichen, die man von der stange kaufen kann. manchmal nutze ich sie für eine unterbodenwäsche. alles ist mit von sklaven in china produzierten platten ausgelegt. igitt.
aus dem hintertreffen habe ich noch von anklam zu berichten. hansestadt und geburtsort von otto von lilienthal. sie nennen ihn hier „erfinder des menschenflugs“.
eine kirche ist profanisiert worden und wird aufwendig restauriert und in ein museum verwandelt – auf diese weise ist der erhalt dieses baudenkmals der backsteingotik zu finanzieren.
wir standen auf einem riesigen, kahlen platz, gegenüber von einem ziemlich abgetakelten konsumhöllchen, hinter uns das rathaus und ein großer runder springbrunnen. an einer seite wird eine häuserzeile wie eine disney-version der gründerzeit neu gebaut, in dem panischen bemühen, in dieser infrastrukturellen abgeschiedenheit attraktiv zu sein.
für mich ist attraktiv, daß es hier fischotter gibt – meine indianischen wappentiere. außerdem fließt hier die peene und es gibt ein großes moor, das von kormoranen angeflogen wird. der himmel ist groß & wild.