forstmeister

hier will ich mich ausdrücklich bei lisa bedanken für die inspirierenden wochenendplätze, die sie für die saxentour organisiert hat. das „hotel forstmeister“ war eine schöne überraschung – ehemals in der ddr ein ferienheim – von entschlossenen menschen zu einem beeindruckenden betrieb ausgebaut. mit gerolf seidel habe ich mich gleich angefreundet. er hat mir viel über die geschichte des betriebs erzählt – mit allen möglichen verzweigungen. er erwies sich als „kräutermeister“ – dieses wort habe ich gerade extra für ihn erfunden. in seiner küche sah es aus wie in einem wissenschaftlichen labor.

sie haben geschickt einen in den hang planierten tennisplatz in einen wohnmobilplatz umgebaut, mit einer für den OMNIBUS zu steil abschüssigen zufahrt. das war überhaupt kein problem – wir sind sehr hilfsbereit & unkompliziert empfangen worden und hatten uns schnell auf einen „wilden“ platz geeinigt. die sanitären anlagen waren ein traum, nämlich zwei extra dafür bereitgestellte hotelzimmer. diese haltestelle hat mein herz im sturm erobert. in die datenbank damit.

ich bin überall herumgestreift und war von der pragmatischen vielfalt des angebots ziemlich beeindruckt – das unternehmen hat sich in den zeiten von corona eine erstaunliche gesundheit bewahrt und geschmeidig auf diese herausforderung reagiert. es ist tief verwurzelt und gleichzeitig überregional bekannt.

salto rückwärts

annaberg-buchholz kann ich hier nicht einfach weglassen – hier hat vor 500 jahren der bergbau der wissenschaftler & ingenieure begonnen – im erzgebirge. die zwillingsschwester im westen heißt clausthal-zellerfeld im harz auf gleicher höhe.

die stadt liegt in 750 meter höhe. ganz am anfang der saxentour hat mich jemand gefragt, wie ich denn mit diesem alten OMNIBUS da raufkommen wollte. darüber habe ich mir die ganze zeit den kopf zerbrochen. und auf der einsamen fahrt von grimma nach annaberg-buchholz habe ich gemerkt, daß ich viel abenteuerlustiger sein könnte, denn es gab so viele baustellen & umleitungen, daß sich selbst die einheimischen nicht auskannten. und ich staune noch immer darüber, wie lässig & wohlgemut ich ins ziel eingelaufen bin. fazit: „keine sorgen machen!“

der marktplatz ist weithin die einzige größere ebene fläche – ansonsten geht es heftig rauf & runter. die stadt hat ihre urwüxigkeit behalten und ist liebevoll restauriert, ohne so geleckt zu sein wie döbeln & grimma. und weil hier der industrieelle kapitalismus ausgeheckt wurde, gibt es auch diesen prototyp einer konsumhölle mit pickelhaube.

was urwüxig angeht, hat mich am ersten abend magisch eine tausend jahre alte kirche angezogen, die am höxten punkt der stadt steht wie ein gebirge.

durch dieses tor bin ich dann tief in die vergangenheit eingetaucht und habe meiner fantasie freien lauf gelassen. ich sah die stadt im winter tief eingeschneit und suchte nach einer passenden stimmung.

ich kann nie vergessen, daß an solchen brutstätten der sogenannten naturwissenschaften auch der militärisch-industrielle komplex entstanden ist, vor dem der amerikanische präsident eisenhower nach dem zweiten weltkrieg gewarnt hat.

leider bin ich nur am ersten abend zu einem spaziergang gekommen – es bleiben viele wunderfitzige fragen offen.

ohne band

immer häufiger ist der OMNIBUS der einzige symbiont, mit dem ich mich verflechten kann – er ist mir bühne & reittier & gehäuse, aber eher passiv, was den alltagsgroove angeht. wir haben keine zeit für streicheleinheiten, denn ich fühle mich erst mal dem oft spärlichen publikum verpflichtet und kann mich kaum losreißen, um aufs klo zu gehen.

andererseits kann ich mir die restliche zeit nach gutdünken einteilen – zum beispiel habe ich den „schulze-delitzsch“ zuende gelesen und viele bilder gemacht, die ich abends nach meinen spaziergängen bearbeite.

um lokker zu bleiben, muß ich hier lükken lassen, die mir hoffentlich in der erinnerung nicht verloren gehen, denn seit meinem letzten beitrag sind die ereignisse wild durcheinander gepurzelt. ich lerne, mir keine sorgen zu machen und meinem zusammenspiel mit dem OMNIBUS und allen menschen zu vertrauen. das entspricht dann musikalisch eher einem symphonieorchester … mit allen höhen & tiefen.

jetzt ist es halb zwei und ich muß ins bett – morgen weckt mich keiner.

noch imma grimma

mit einem lieben gruß an brigitte: das ist der regionalladen in grimma!

gleich am ersten tag kam ein ewig jungenhaft wirkender mann im hemd aus dem gegenüber liegenden stadthaus und stellte sich als der bürgermeister vor. er hat uns herzlich begrüßt und bedauert, daß wir nicht am markttag dort stehen könnten.

er ist der kandidat einer freien wählergemeinschaft und schon einige jahre im amt. er scheint alle passanten zu kennen und ist rundum ansprechbar. er hat mir sein leid mit den über ihm liegenden hoheitsebenen geklagt und sich ehrlich für unsere arbeit interessiert. das gleiche gilt für die stadtkämmerin, die uns kurz danach besuchte.

am letzten tag – da war ich schon allein – kam der bürgermeister wieder und hat meine ausdauer bewundert. zur erinnerung hat er mir eine einkaufstasche, ein lebkuchenherz und einen kräuterlikör, den augustinermönche seit dem 13. jahrhundert dort hergestellt haben, geschenkt und mir für meine arbeit alles gute gewünscht.

nach diesem einmütigen abschied hat er noch flugs für die bundesweite volksabstimmung unterschrieben und auf dem rückweg in den schatten des stadthauses noch mit mindestens drei leuten geredet.

döbeln & grimma

hundert abenteuer später fällt mir ein, was diese beiden städte gemeinsam hatten – sie wirkten wie abgeschleckt – woman traute ihren augen nicht und konnte es sich nicht erklären. sie glänzten & strahlten kein bißchen modern. jetzt leuchtet es mir ein:

beide sind ja in der tat von der wütenden mulde abgeschleckt worden in unausdenklichen heimsuchungen – da fragt sich erstens, warum der fluß so wütend war – und zweitens, was am ende dabei herausgekommen ist. ich hab ja schon mehr als genug geschwärmt von alten städten, die immer wieder nach feuersbrünsten & anderen katastrofen beharrlich in ihre stimmige form gebracht wurden.

schade nur, daß wegen corona viele hübsche kleine ladenlokale leerstehen.

da bleibt zu hoffen, daß die fluttore halten …

oberhalb der flutgrenze gibt es selbstbewußte häuser aus einer späteren epoche:

und ganz oben gibt es dann eine kontrapunktische überraschung:

die ruine eines sehr gesellig wirkenden bahnhofs, an dessen stelle nur noch ein paar roboter wirken …

schmuckstück grimma

das ist tatsächlich ein schmuckes städtchen. ich hab mich rumtreiben lassen und bin immer wieder andächtig versunken in betrachtungen – vor allem der fluß hat mich magisch angezogen – nachdem sich lisa gestern verabschiedet hatte, bin ich barfuß über einen schotterweg am anderen ufer die ganze stadt entlang gelaufen. was am ende meinen armen füßen sehr gut getan hat. der rückweg durch die stadt war dann wie ein tanz.

schade war nur, daß es schon dunkel wurde – die bilder bekamen zunehmend eine märchenhafte note …

einen höhepunkt bildete diese zarte hängebrücke, von der ich schon gelesen hatte:

mein kopf ist noch ganz voll mit geschichten über grimma und die von der mulde geprägte landschaft – diese ganze saxentour geht durch jungfräuliches terrain. ich sauge wunderfitzig alles auf und bearbeite nachts die bilder …

grimma an der mulde

so sah es aus, als ich gestern abend begeistert von meinem abendspaziergang zur mulde nach hause kam.

die stadt hat eine hohe ufermauer, auf der lustige lauben hocken:

die mauer hat nicht geholfen, denn in grimma wars noch schlimma als in döbeln mit den hochwassern 2002 & 2013 – eine 300 jahre alte steinbrücke und eine großmühle wurden zerstört und die ganze altstadt stand tief unter wasser. schäden in höhe von 500 millionen euro sind entstanden und 60 millionen euro in den hochwasserschutz investiert worden. die historische brücke hat einen stählernen mittelteil bekommen und an strategisch wichtigen stellen gibt es riesige fluttore

heute ist es hier ganz idyllisch – die stadt hat sogar irgendeinen internationalen schönheitswettbewerb gewonnen – am liebsten würde ich mal eine woche hier herumstreifen – jedes haus hat persönlichkeit – ist wie ein lebewesen, das geschichten erzählt …

das wurde extra für den flamingo gebaut … obwohl ich heute zum ersten mal einen weißen leinenanzug angezogen habe, den ich vor fünf jahren gekauft habe.

halb eins – ich muß ins bett !

zauber

als wir in grimma eingelaufen sind, gab es ein schönes lichtspiel – das alte rathaus stand voll in der abendsonne und der OMNIBUS so gerade eben im schatten – ich dachte an das ungeheuer von döbeln und fühlte mich aufgefordert, hier von der urtümlichen schönheit dieses rathauses zu schwärmen …